Auf der Travemünder Woche 2003 hatte ich die Gelegenheit, eine sechsstündige Fahrt auf der ukrainischen Windjammer STS Khersones mitzumachen. Diesen Tagesausflug hatten wir bereits im Mai gebucht und wie es schien, wurde die Tour sehr stark nachgefragt.
Wo: Ostpreußenkai, 23570 Lübeck-Travemünde ![]()
Infos: www.khersones.de
Preise: Erwachsene 75 €, Kinder 45 €
(Stand: Juli 2003)
[20. Juli 2003] — Der Ausflug beginnt höchst unerfreulich: bereits um 5:30 Uhr
klingelt der Wecker. Zu dieser Zeit kann man mich (zumal am Sonntag) sonst nur
im äußersten Notfall dazu bewegen, das warme und kuschelige
Bett zu verlassen. Aber abgesehen von diesem Wermutstropfen, auf den ich mich
immerhin zwei Monate seelisch vorbereiten konnte, freue ich mich
auf die Fahrt.
Nachdem ich mich schwermütig aus dem Bett gepult habe, hüpfe ich schnell unter
die Dusche, um einigermaßen wach zu werden. Hilft aber
nicht viel. Dann geht es per Auto los in Richtung Hauptbahnhof, von dem
aus wir kurz vor sieben mit der Regionalbahn nach Travemünde fahren wollen.
An einem frühen Sonntagmorgen sollte man davon ausgehen, im
Innenstadtbereich nicht auf Parkplatzprobleme zu stoßen – aber weit
gefehlt. Die Stadt braucht Geld und bittet im Bereich rund um den Hauptbahnhof
kräftig zur Kasse. „Laufen oder löhnen“ heißt die Devise.
Da wir uns den Zeitpunkt unserer Rückkehr offen halten wollen (es fahren
stündlich Züge zurück nach Hamburg), entscheiden wir uns
für die erste Alternative. Wir sind nicht sicher, ob wir womöglich
die Höchstparkzeit sprengen würden und wollen kein Knöllchen
riskieren. Erst früh aufstehen und dann auch noch
latschen, na klasse!
Im Bahnhof angekommen ist erst mal ein Abstecher zum Espresso-Shop fällig. Er soll
das vollbringen, was die Dusche nicht vermocht hatte. Der Kaffee auf nüchternen
Magen erweckt langsam aber sicher meine Lebensgeister. Ich fühle
mich in der Lage, einen Spaltbreit aus den Augen zu gucken. Jedenfalls weit
genug, um den Hinweis auf der Anzeigetafel in der Wandelhalle zu entziffern:
„Regionalbahn nach Travemünde wegen Gleisarbeiten gestrichen“.
Auch das noch!
Schienenersatzverkehr heißt das Zauberwort! Ein Bus soll uns nach
Hamburg-Rahlstedt bringen, von dort aus wird die Regionalbahn weiterfahren.
Der Bus lässt ewig auf sich warten und als er endlich abfährt, ist er
rammelvoll. In Rahlstedt angekommen, wartet die Bahn wider Erwarten tatsächlich
schon am Gleis. Unsere Reise an die Ostsee kann endlich losgehen! Da
wir ausreichend Pufferzeit eingeplant haben, erreichen wir das Schiff
noch rechtzeitig.
(von der Homepage des Veranstalters geklaut):
„Einschiffung um 9:00 Uhr, geplantes Auslaufen ca. 10:00 Uhr. Wind-
und wetterbedingt segeln wir aus der Lübecker Bucht heraus. Mittags
gibt es voraussichtlich eine Borschtsch oder einen anderen Eintopf aus der
Bordküche, weitere Kleinigkeiten und Getränke können an Bord
gekauft werden. Sie erleben hautnah, wie die Kadetten die Segel setzen bzw.
einholen und gebrasst wird, mit welcher Präzision jeder Handgriff sitzt.
Über die Lautsprecher wird Segelalarm angekündigt: Die Kadetten
treffen sich an ihrem Mast und schon geht es los, 70 Kadetten an den Tampen,
Platz wird benötigt, damit diese Arbeit überhaupt ausgeführt
werden kann. Einige Kadetten in den Masten, mit welcher Schnelligkeit sind
sie bereits auf den Rahen. Faszinierend zu beobachten, doch bitte haben
Sie Verständnis dafür, dass auf Tagesfahrten eine Mitarbeit aus
Sicherheitsgründen nicht möglich ist. Ein schöner Tag auf
See geht seinem Ende zu, geplante Ausschiffungszeit ist ca. 16:00 Uhr
…“
Die Khersones liegt am Ostpreußenkai. Bei unserer Ankunft kurz
nach neun hat die Einschiffung (ein Schelm, wer Böses dabei
denkt
)
bereits begonnen. Die Besatzung der Windjammer besteht aus der ukrainischen
Mannschaft und deutschem Veranstalter-Personal. An Bord wird zunächst überprüft,
ob unsere Namen auf der Teilnehmerliste stehen. Dann haben wir Zugang zum Schiff.
Um kurz nach zehn legt die Khersones ab. Leider reicht der Wind nicht aus,
um unter Segel auszulaufen. So befördern uns die tuckernden Dieselmotoren
auf die See hinaus.
Bei unserem ersten Rundgang an Deck stelle ich erstaunt fest, dass
sich weitaus mehr Passagiere auf dem Schiff befinden, als Sitzmöglichkeiten
zur Verfügung stehen. Es gibt eine handvoll Liegen auf dem Oberdeck
sowie einige Stühle und Bänke. Schnell wird klar, dass es
einen regelrechten Kampf um die Sitzplätze geben wird. Und ich soll Recht behalten.
Zustände wie beim Pool-Urlaub auf Mallorca! Nur, dass hier nicht
Sonnenliegen mit Strandtüchern belegt werden, sondern Rucksäcke
und Taschen dazu herhalten müssen, einen „belegten“ Platz zu signalisieren.
Von dem jeweiligen Besitzer gibt es weit und breit keine Spur. Na das haben wir gern!
Wie heißt es so schön: „wer zu spät kommt, den bestraft
das Leben“. Natürlich sind nach unserem Rundgang längst alle
Plätze belegt. So bleibt mir nichts anderes übrig, als es mir
auf dem Boden des Decks gemütlich zu machen.
Gut, dass ich Handtücher
eingepackt habe. Die kann man prima als Sitzunterlage benutzen. Doch kaum habe ich ein freies,
sonnig-warmes Fleckchen entdeckt und es mir bequem gemacht, da ertönt der Segelalarm.
In russischem Geschrei dröhnt das erste Segelkommando aus den Lautsprechern.
Bevor ich recht weiß,
wie mir geschieht, bin ich von zahllosen Kadetten umringt. Nur langsam dämmert mir, dass sie
offensichtlich die Segel setzen wollen.
Das Problem: ich sitze im Weg. Der Platz wird gebraucht, um das Manöver
durchführen zu können.
Dieses Spielchen soll sich im Verlauf unserer Reise noch mehrere Male
wiederholen. Entspannt in der Sonne zu dösen, ist ganz offensichtlich nicht möglich.
Bedingt durch den wechselnden Wind und die daraus resultierenden Seemanöver werde ich ständig
zwischen Steuerbord und Backbord hin und her gescheucht. So hatte ich mir unseren Schiffsausflug
ganz und gar nicht vorgestellt! Vielleicht hätten die Veranstalter schlichtweg weniger Leute
an Bord nehmen sollen! Die können doch nicht ernsthaft erwarten, dass sich die Passagiere,
die keinen Sitz- oder Liegeplatz ergattert haben, sechs Stunden lang die Beine in den Bauch stehen.
Nur wenig später ist auch der Unmut einiger Leidensgenossen – äh Mitreisender – zu spüren.
Ich bin offensichtlich nicht die Einzige, die sich die Reisebedingungen bei dem Ticket-Preis von stolzen
75 € etwas anders vorgestellt hat. Die Stimmung auf den
„billigen Plätzen“ ist recht angespannt. Sie eskaliert, als wir per Lautsprecherdurchsage
dazu aufgefordert werden, das Schiffsheck zu räumen. Der Veranstalter
hat einen Hubschrauber gechartert, der aus der Luft Werbeaufnahmen vom
Schiff machen soll. Nur macht sich ein völlig überfülltes
Heck im Werbeprospekt anscheinend nicht so gut. Deshalb sollen wir verduften und uns
auf das Zwischendeck zurückziehen. Der Heckbereich wird mit Schiffstauen
abgesperrt und ein „Vorzeige-Pärchen“ darauf postiert, das nach Titanic-Manier
à la Kate Wislet und Leonardo DiCaprio freundlich stahlend für die Kamera posiert.
Bevor sich der Hubschrauber nähert, werden wir per Durchsage angewiesen,
nicht in die Kamera zu winken
(wirkt wohl nicht authentisch!?). Diese Aufforderung
erweist sich jedoch als taktisch unklug. Sie bewirkt bei einem vergnatzten
Mitreisenden genau das Gegenteil. Sobald der Hubschrauber in Sichtweite kommt,
wedelt er wie wild mit den Armen in der Luft.
Ein wahrer Höhepunkt unserer Tour ist das im Fahrpreis inbegriffene
Mittagessen. Serviert wird uns ukrainischer Borschtsch. Dazu wird Knoblauchbrot
gereicht. Die Suppe – als Eintopf kann man diese Plörre nun wirklich nicht bezeichnen
– ist eine echte Enttäuschung. Sie ist viel zu dünn und geschmacklich nicht
gerade ein Hit. Bei der Menüplanung haben die Organisatoren erneut ihr ganzes Können
unter Beweis gestellt. Ob einer von denen jemals versucht hat, im Stehen so ganz ohne Tisch, einen Teller
Suppe zu essen, die bei der kleinsten Bewegung des Schiffs gefährlich nahe am Tellerrand schwappt? Wohl kaum!
Hier und da dringen Aussagen wie: „Hm, schmeckt ganz gut …“ an mein Ohr.
Da frage ich mich, ob diese armen Gestalten schon jemals einen RICHTIGEN Borschtsch gegessen haben.
Nur gut, dass an Bord eine Art Bistro eingerichtet ist. Dort gibt es neben kalten
und warmen Getränken auch Grillwürstchen, belegte Brötchen
und verschiedene Kuchensorten zu kaufen. Von dem Wasserbrei werde ich jedenfalls nicht satt.
Gegen 16 Uhr nähert sich die Windjammer wieder dem Travemünder Hafen. Nach meinem sechsstündigen Spießrutenlauf bin ich heilfroh, endlich von Bord gehen zu können. Obwohl die Travemünder Festmeile lockt, das Wetter herrlich warm ist und ich normalerweise kein Straßenfest auslasse, will ich nur noch nach Hause.
Zum Glück müssen wir nicht lange auf den nächsten Zug Richtung Heimat warten. Und da die Gleisarbeiten auf der Strecke Travemünde – Hamburg zwischenzeitlich abgeschlossen sind, können wir mit der Regionalbahn bis zum Hauptbahnhof durchfahren.
Fazit: Dies war mein erster Ausflug
auf einer Windjammer und bekanntlich muss man alles einmal mitgemacht haben,
um mitreden zu können. Mir hat die Tour nicht gefallen,
was ihr meinem Reisebericht sicherlich leicht entnehmen konntet.
Hier lagen Erwartungen und Realität zu weit auseinander. Und auch das Preis-/ Leistungsverhältnis
hat mich nicht überzeugt. Die Fahrt war aus meiner Sicht ein überteuertes Unterfangen, das das Geld
nicht wert war.
Schade! ![]()