29.07.2010 | 17:38 Uhr
Tag 4 – Mi, 28. März 2007 –
Strecke: Key Largo – Key West (100 mi / 161 km)
Unterkunft: Southwinds Motel
, Key West, 1321 Simonton Street ($ 144 DZ exkl. Frühstück)
Wir frühstücken in Craig’s Restaurant auf Islamorada. Hier genehmigen wir uns ein typisch amerikanisches Breakfast mit Speck, Eiern, Toast und natürlich Kaffee. Die Sache mit dem Refill (das kostenlose Nachschenken von Kaffee) findet bei einem Koffein-Junkie wie mir besonderen Anklang. Das sollten sie in Deutschland auch mal einführen. ![]()
Dann geht’s zurück auf den Overseas Highway. Über seine unzähligen Brücken fahren wir von Meilenstein 90 immer weiter, bis wir Meilenstein 0 und damit Key West erreichen.
Schon immer hatten die Behörden in Südflorida viel Mühe bei der Bekämpfung des Schmuggels und des Drogenhandels. Vor allem, weil es praktisch unmöglich ist, die endlosen Küsten der Keys zu kontrollieren. Um dem Herr zu werden, errichteten sie im April 1982 Kontrollpunkte am Highway #1
– dem einzigen Landweg zwischen den Florida Keys und dem Festland – und überprüften jedes Auto.
Die Stadtregierung von Key West sah darin eine Erschwernis für den Tourismus, der Haupteinnahmequelle von Key West. Sie verlangte den sofortigen Abbau der Kontrollstellen. Als eine entsprechende Klage scheiterte, erklärte Key West am 23. April 1982 seine Unabhängigkeit und rief die Conch Republic aus.
Der Bürgermeister von Key West, Dennis Wardlow, wurde zum Premierminister ernannt. Die Conch Republic erklärte den USA den Krieg, kapitulierte allerdings eine Minute später bedingungslos und ersuchte um 1 Mrd. Dollar für den Wiederaufbau. Diese nicht ganz ernst gemeinte, aber äußerst medienwirksame Protestaktion führte schließlich dazu, dass die Kontrollstellen aufgegeben wurden.
Obwohl die Conch Republic nicht einmal einen Tag lang als unabhängiger Staat existierte, identifizieren sich noch immer viele Einwohner von Key West mit ihr. Traditionell zelebrieren sie jedes Jahr um den 23. April herum die Conch Republic Independence Celebration mit einem großen Straßenfest.
Um 15 Uhr treffen wir auf Key West ein. Im Tourist Info Center
auf dem Roosevelt Boulevard hilft uns Julie bei der Suche nach einem freien Zimmer. Doch
wie’s aussieht, sind die Motels auf der Insel komplett ausgebucht. Nachdem sie mehrere
Anrufe getätigt und jedes Mal kopfschüttelnd den Hörer zurück auf die Gabel gelegt hat, strahlt
sie uns an. Im Southwinds Motel
ist noch was frei, für $ 144 pro Nacht. Sie kritzelt die Adresse auf einen Zettel. Dann
malt sie eine runde Kuller auf einen kleinen Stadtplan und drückt uns beides in die Hände.
Das Zimmer ist noch kleiner als das im Stone Ledge Paradise Inn. Als Jens den Schlüssel ins Schloss steckt, bin ich ein wenig irritiert, dass die Tür nach außen aufgeht. Der Grund dafür wird mir klar, nachdem ich das Zimmer betreten haben: ich stehe direkt vor dem Fußende des Bettes. Rechts und links davon ist nur sehr wenig Platz. Und die abgeteilte Nasszelle, in der sich Dusche, WC und Waschbecken befinden, ist so winzig, dass man sich auf dem Topf sitzend übers Waschbecken beugen kann. Das ist doch mal was. Da kann man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen …
Nur wenige Schritte von unserem Zimmer entfernt gibt es einen Pool. Das glitzernde Wasser übt eine ungeheuere Anziehungskraft auf uns aus. Also schlüpfen wir in unsere Badesachen und schwimmen ein paar Bahnen. Im Beckenbereich ist nicht viel los. Nur ein einziger weiterer Motelgast hat es sich mit einem Buch auf einer der Sonnenliegen gemütlich gemacht. Das Wetter ist herrlich. Es sind gefühlte 28 °C. Das ist zumindest meine Interpretation der 82 °F, die die TV-Wetterfrösche für heute vorhergesagt haben. Doch man spürt die Hitze kaum, da ständig eine leichte Brise weht.
Temperaturangaben: In den USA hält man nicht nur an den »angloamerikanischen Maßeinheiten fest, auch die Temperaturen werden in britischen Grad Fahrenheit angegeben. 0 °C entsprechen 32 °F. Die Umrechnungsformel von Fahrenheit in Celsius lautet: °C = (°F − 32) : 1,8.
Das Plantschen in der prallen Sonne fordert seinen Tribut nach dem Duschen. Offensichtlich hat
mein Lichtschutzfaktor versagt. Die Haut auf meinem Nacken ist ziemlich rot und schmerzt
ein wenig. Eine anständige Sonnencreme muss her!
Die Sonnencremeflaschen im Regal des nächstgelegenen Ladens sind aufgereiht wie die
Zinnsoldaten. Ich traue meinen Augen kaum, als ich die darauf abgedruckten Nummern sehe.
Der kleinste Schutzfaktor, den sie anbieten, ist LSF 15 – gefolgt von einer ganzen
Batterie 30er und 50er. Gekrönt wird das Ganze von den Sunblockern, die mit LSF 60+ und 70+
ausgezeichnet sind. Wer sich damit einschmieren muss, um nicht zu verbrutzeln, sollte besser
gleich ein T-Shirt anbehalten!
Gegen Abend besichtigen wir die Duval Street
(die Hauptstraße von Old Key West). Sie ist mit Restaurants, Cafés, Hotels und Souvenirläden geradezu
gespickt. Am Ticketschalter von Fury Water
Adventures kaufen wir zwei Karten für die „Sunset Cruise“ Bootstour.
Dabei kommt uns ein Discount Coupon zugute, der in der Lobby des Motels auslag. Auf den
regulären Preis von $ 74 (für beide Tickets) bekommen wir einen Rabatt, mit dem wir satte $ 12 sparen.
Nicht schlecht!
Das Catamaran Glass Bottom Boat legt um 18 Uhr vom Pier House
am Ende der Duval Street ab. Es trägt uns auf den Ozean hinaus. Wir fahren zum Korallenriff, das sich vor der Küste der Keys befindet. Durch den Glasboden des Katamarans kann man den Meeresgrund sehen. Allerdings ist es gar nicht so leicht, einen Blick durch eins der Fenster im Boden zu erhaschen, denn der Andrang ist ziemlich groß. Aber das juckt mich nicht weiter. Kaum eine halbe Stunde auf dem Wasser, befällt mich die übliche Seekrankheit. Daher verziehe ich mich zurück an Deck. Mir ist zwar mulmig im Magen, aber der fantastische Sonnenuntergang ist das Martyrium auf See wert. Vom Boot aus ist der Blick auf dieses Naturschauspiel wirklich einmalig.
Tag 5 – Do, 29. März 2007 –
Strecke: Key West
Unterkunft: Southwinds Motel
, Key West, 1321 Simonton Street ($ 144 DZ exkl. Frühstück)
Nach dem Aufstehen habe ich einen Bärenhunger. Das Geschaukel auf dem Schiff hatte mir gestern Abend den Appetit verdorben. Daher hatte ich das Abendessen ausfallen lassen. Aber nun könnte ich ein halbes Schwein auf Toast verputzen. Jens fragt die Dame an der Rezeption, wo wir ein leckeres Frühstück bekommen. Als Einheimische hat sie bestimmt einen Tipp. Sie nennt uns das Deli Restaurant
in der Truman Avenue Ecke Simonton Street, in das sie, wie sie sagt, selbst gern geht.
Im Restaurant herrscht Hochbetrieb. Zu unserem Glück wird gerade ein Tisch frei, als wir durch die Tür mit dem witzigen Seepferdchenknauf kommen. Wir bestellen Omelette, kubanisches Brot und natürlich Kaffee. Das Essen schmeckt ausgezeichnet. Es ist wirklich gemütlich hier, nur etwas zu kalt für meinen Geschmack. Die Klimaanlage hat das Lokal – verglichen mit der Außentemperatur – um mindestens 10 °C heruntergekühlt. Ich bin heilfroh, dass ich meine Strickjacke (in böser Vorahnung) mitgenommen habe.
Gestärkt für den Tag erkunden wir Old Key West. Unser erstes Ziel ist Ecke Whitehead Street und South Street.
Dort markiert ein klobiges, rot-schwarz-gelb gestreiftes Betonmonstrum (das auf mich wie ein umgestülpter, überdimensionaler Fingerhut wirkt) „The Southernmost Point in the Continental U. S.“ – den südlichsten Punkt der kontinentalen USA.
Von hier aus sind es nur noch 90 mi (145 km) bis Kuba. Miami beispielsweise ist mit 160 mi (258 km) fast doppelt so weit weg. Der Clou dieses „bedeutsamen Punkts“ steckt im Detail. Weist das Wörtchen „continental“ doch beinahe beiläufig darauf hin, dass dies zwar der südlichste Punkt – aber eben nur der kontinentalen USA ist. Der 50. US-Bundesstaat Hawaii liegt noch viel weiter südlich als Florida.
Wir laufen weiter zur Whitehead Street Nummer 938, wo wir das Key West Lighthouse
erklimmen (Eintritt je $ 10). Seltsam ist, dass sich der 1969 stillgelegte Leuchtturm nicht am Wasser sondern – umgeben von hohen Bäumen – inmitten einer Wohnstraße befindet.
Doch dieses Kuriosum wird schnell aufgeklärt. Tatsächlich stand der 22 m hohe Leuchtturm zum Zeitpunkt seines Baus 1847 an der Küste. Später wurde jedoch die damals noch vorhandene Bucht zwischen der Whitehead Street und Fort Taylor zugeschüttet. Über die 88 Stufen der steilen Wendeltreppe
erreichen wir die Aussichtsplattform, die eine grandiose Aussicht auf Old Key West bietet.
Anschließend schauen wir uns im Keeper’s Quarter aus dem Jahre 1887 um. Zu Zeiten, als der Leuchtturm noch in Betrieb war, wohnte der Leuchtturmwärter mit seiner Familie in dem Haus. Heute werden darin Instrumente, Karten, Fotos und historische Artefakte des Leuchtturms ausgestellt (die ich nicht sonderlich spannend finde).
Gegenüber dem Leuchtturm befindet sich das Hemingway House,
das 1851 im spanisch-kolonialen Stil erbaut wurde. In dem zweistöckigen Kalksteinhaus lebte der Schriftsteller Ernest Miller Hemingway von 1931 bis 1940 mit seiner zweiten Frau Pauline. An der Kasse am Eingang ist nur wenig los. Daher entschließen wir uns, das idyllische Haus und seinen tropischen Garten
zu besichtigen. Im Ticketpreis ($ 11 pro Nase) ist eine Führung inbegriffen.
Während der Tour erfahren wir, dass Pauline (die aus einer wohlhabenden Familie stammte und Luxus gewöhnt war) die Villa mit Antiquitäten aus Europa ausstattete und den Bau des Salzwasserpools in Auftrag gab. Und – viel interessanter – wie es überhaupt dazu kam, dass das Haus zum Museum wurde. Dies war keineswegs geplant, sondern geschah vielmehr durch einen Zufall. Nachdem sich Ernest 1940 von Pauline scheiden ließ, (um gleich darauf seine dritte Frau Martha Gelhorn zu ehelichen), lebte Pauline allein in dem Haus. Sie starb 1951. Hemingway bereitete seinem Dasein 1961 in Idaho ein Ende. Und da seine Erben nicht auf Key West leben wollten, wurde das Anwesen verkauft. Der neuen Bewohnerin wurde es bald zu bunt. Immer wieder klopften Fremde an ihrer Tür, die Hemingways Haus sehen wollten. So kam sie auf die Idee, aus der Villa ein Museum zu machen und alle Gegenstände der Hemingways, die mit dem Kauf verbunden waren, auszustellen.
Nach der Führung fühle ich mich wie nach der Lektüre der Bunten – ich bin bestens über Ernests ausschweifenden Lebensstil und seine Eskapaden im Bilde. Und obwohl ich mich weder für Hemingway noch für seine Bücher interessiere, muss ich sagen, dass der Besuch des Museums kurzweilig und unterhaltsam war.
Als es dämmert, laufen wir zum Mallory Square
am nordwestlichen Ende der Altstadt. Auf der gleichnamigen Pier
trifft sich jeden Abend die halbe Stadt, um den Sonnenuntergang zu feiern. Die legendäre Sunset Celebration hat eine lange Tradition auf Key West. Sie geht auf die 1960er Jahre zurück. Damals versammelten sich Hippies allabendlich am Wasser. Sie musizierten, rauchten ein paar Joints und applaudierten, sobald die Sonne im Meer versank.
Dieser Brauch wurde zwar bis heute bewahrt, er ist aber zu einer Touristenattraktion mutiert. Denn neben den Akrobaten, Entfesslungskünstlern
und Feuerschluckern, die ihre Künste zur Schau stellen, tummeln sich unzählige Händler auf dem Platz. Mit den üblichen Kinkerlitzchen, Getränken und Snacks versuchen sie, den Touristen das Geld aus der Tasche ziehen.
Abseits der Gaukler haben wir uns an den Rand der Pier verdrückt. Als die Sonnenscheibe den Ozean berührt, steigt die Spannung im Publikum. Um mich herum starren die Urlauber gebannt aufs Meer, das von einem blutorangen Abendrot umgeben ist.
Und in dem Augenblick, als der letzte Sonnenstrahl vom Horizont verschwindet, tobt ein ohrenbetäubender Applaus los.
Tag 6 – Fr, 30. März 2007 –
Strecke: Key West – Bahia Honda Key – Grassy Key – Plantation Key (92 mi / 148 km)
Unterkunft: Keys Motel
, Tavernier, MM 90.6 ($ 99 DZ exkl. Frühstück)
Es ist leicht bewölkt und tröpfelt ein bisschen. Das richtige Wetter für einen Abstecher auf den Friedhof.
Er liegt auf der höchsten Erhebung des Eilands, dem Solares Hill. Wir erreichen ihn über den Haupteingang an der Ecke Angela Street und Margaret Street. Die 19 Acre (8 Hektar) große Begräbnisstätte wurde 1847 errichtet. Sie ist im mehrere Sektionen untergliedert. Wir schauen uns zunächst den historischen katholischen Teil an, dann den jüdischen Bereich. Schließlich laufen wir weiter zu den beiden Gedächtnisfriedhöfen. Einer wurde zu Ehren der Marinesoldaten der „Maine“
angelegt, die 1898 in Havanna ums Leben kamen. Der zweite erinnert an „Los Martires de Cuba“, den Opfern der kubanischen Revolution von 1868.
Außergewöhnlich ist, dass viele der 75.000 Toten, die hier ihre letzte Ruhe fanden, in überirdischen Gräbern
und Mausoleen bestattet wurden. Der Grund dafür ist, dass Key West nur knapp über dem Meeresspiegel liegt.
Nachdem uns der zunehmende Nieselregen zum Auto zurück getrieben hat, verlassen wir Key West in Richtung »Bahia Honda Key.